Linneser Eichbaum

 

Rede zur Pflanzung der neuen Stieleiche

in Erinnerung und als Ersatz für den im November 2008 gefällten Linneser Eichbaum

am Parkplatz des Bürgerhauses Kleinlinden

am 21. März 2009

 

von Dr. Gerd Steinmüller

 

In Meyers Großem Konversationslexikon von 1905 heißt es unter dem betreffenden Stichwort:

„Die Sommereiche (Stieleiche, Quercus Robur) mit kurzgestielten Blättern mit ohrähnlichen Anhängseln an der Basis und lang gestielten lockern weiblichen Kätzchen, trägt 1–3 sitzende Früchte an einem langen Stiel. Der Stamm hält sich in den ersten 50 Jahren glatt, bildet aber im höhern Alter tiefrissige Borke; die Krone ist nie dicht und wird von vielfach gekrümmten und geknickten Asten und Zweigen gebildet.

 

Die Pfahlwurzel dringt bis 2,5 m tief in den Boden, außerdem treibt der Baum zahlreiche kräftige Seitenwurzeln. Diese Eiche fordert deshalb auch einen tiefgrundigen oder wenigstens bis in bedeutende Tiefe durchdringbaren Boden. Am besten gedeiht sie auf fruchtbarem, lockerm Aueboden der Ebene, wächst aber auch noch in lehmigem, frischem Sandboden … Sie findet sich in ganz Europa und im Orient, bildet im ungarischen Hügelland und Kroatien ausgedehnte Wälder und im russischen Tiefland einen breiten Waldgürtel zwischen dem Finnischen Meerbusen und der Steppengrenze, geht also ostwärts weit über die Buchenwälder hinaus, jedoch nur bis zum Ural, der sie von Sibirien trennt.

 

In Deutschland kommen die schönsten, wenn auch niemals ganz reinen Stieleichenwälder in der fruchtbaren mitteldeutschen Ebene und am Niederrhein vor. … Die jungen Pflanzen wachsen in den ersten 4–6 Jahren sehr ungerade und knickig, erst bei 15–20 Jahren beginnt der Stamm sich zu strecken; im mittlern Lebensalter hat die Eiche den stärksten Zuwachs, im hohen Alter setzt sie nur noch sehr dünne Jahresringe an, und wegen der alsdann eintretenden Kernfäule macht in der Regel ein Sturm dem Leben alter Bäume ein Ende. Ob die Eiche ein so hohes Alter erreicht (2000 Jahre), wie bisweilen angenommen wird, ist zweifelhaft.“[1]

 

Eine solche Stieleiche, die sich in einem Linneser Flurbuch aus den Jahren zwischen 1794 und 1800 als die „alte dicke Eiche“ bezeichnet findet, wurde hier im November 2008 auf Weisung des Gartenamts der Stadt Gießen gefällt. Hugo Weigel, Vereinsmitglied und bis vor kurzem noch Schriftführer der Arbeitsgruppe Orts- und Vereinsarchiv Kleinlinden, war damals in unmittelbarer Nähe, hörte das laute Krachen, eilte hinzu und machte seinem Ärger noch an Ort und Stelle gehörig Luft. Denn diese „alte dicke Eiche“ war für ihn wie für viele andere Linneser nicht irgendein maroder, morscher Baum mit verminderter Standsicherheit, ein Baum, dem Brand und Blitzeinschlag über die Jahrzehnte hin arg zugesetzt hatten. Zuletzt im Juli 1995, als ihn der Blitz derart traf, dass der Parkplatz am Bürgerhaus „von abgesprengten Rindenstücken übersät war; die größten davon über einen Meter lang.“[2] Den Tornado im letzten Jahr überstand er dagegen mit knapper Not.

 

Für Hugo Weigel und viele andere Kleinlindener Bürgerinnen und Bürger, die diese „alte dicke Eiche“ noch in vollem Wuchs erleben konnten, war dieser Baum ein Wahrzeichen ihres Stadtteils. Mit Dreschhalle, Weiher und Bleiche bildete er einst ein markantes bäuerliches Ensemble. Johannes Paschke bezeichnete ihn im „Backschießer“ vom April 1996 einmal als „das älteste lebende Denkmal in Linnes, das bis in die Lutherzeit zurückreichen könnte.“[3] Seinen Angaben zufolge betrug der Stammumfang 4,75 m, woraus Paschke im Vergleich mit anderen dicken Eichen in und um Gießen auf ein Alter von mehr als 4 Jahrhunderten schloss.

 

Anders als bei anderen Eichen, beispielsweise der Luthereiche (1817) oder der Schillereiche (1859) auf dem Lutherberg, sind im Falle der Linneser Eiche Datum und Anlass ihrer Pflanzung nicht überliefert. Einen Hinweis auf ihre einstige Funktion gibt möglicherweise die Bezeichnung der Flur, die sie beherbergte. „Das Pitzendriesch“ (mundartlich: Ds Peazzedreasch) bezeichnete nach Friedrich Wilhelm Weitershaus die gemeindeeigene Weide zwischen der „kleinen Pfingstweide“ und dem „Lahnweg“ (jetzt „Zum Weiher“). Dabei bedeutet „Pitze“ so viel wie „Lache, in kleiner flacher Erdvertiefung angesammeltes und stehengebliebenes Wasser“, und „Driesch“, ein ursprünglich rheinisches Wort, meint so viel wie „unbebautes, als Viehweide dienendes Land, auch Heideland. Dass dieses Gelände später als Dreschplatz benutzt wurde, hat mit der ursprünglichen Flurbezeichnung also gar nichts zu tun.[4]

 

In Verbindung mit der gemeindeeigenen Weide, die sich hier befand, hatte die „Linneser Eiche“ vermutlich ganz praktische Funktionen, nicht so sehr als Holz- und Gerbsäurelieferant, sondern eher als Sonnen- und Regenschutz und wohl auch in ´ernährungstechnischer´ Hinsicht. „Die Eichel“ – so wusste das Bilder-Konversationslexikon von 1837-42 noch zu vermelden – „sind ein treffliches Mastfutter für Hirsche, Rehe, vor Allem aber für wilde und zahme Schweine, und letztere werden deshalb in Gegenden, wo es viel Eichen gibt, von Michaelis bis Anfang Dec. auf die Eichelmast in die Wälder getrieben. … Auch im Stalle werden Eicheln gedörrt und geschroten oder gemalzt verfüttert, können auch den Mastochsen unter das Futter gemengt werden und sind allem Geflügel, den Gänsen ausgenommen, sehr zuträglich. Den damit gefütterten Thieren darf es aber nie an Wasser fehlen, da ihnen die Eicheln viel Hitze verursachen.

 

Von der äußern Schale gesäubert, geröstet und gestoßen oder wie Kaffee gemahlen, auch wol mit diesem oder mit Cacao vermischt, wie Kaffee bereitet, und mit Zucker und Milch genossen, geben sie ein arzneiliches Getränk, den sogenannten Eichelkaffee, der in geeigneten Fällen zur Stärkung des Drüsensystems und der Eingeweide verordnet wird. Sind sie vorher durch Auskochen in Wasserdampf, Wasser oder schwacher Potaschenlauge von ihrem bittern Geschmack befreit worden, so können sie Gesunde in derselben Zubereitung, wie den Kaffee, als Ersatzmittel desselben genießen. Endlich werden solche entbitterte Eicheln, zu Mehl gemahlen, auch in Zeiten des Mangels zur Hälfte mit Getreidemehl zu Brot verbacken, was in Norwegen fast gewöhnlich und ohne alle nachtheilige Folgen geschehen soll.“[5]

 

Über ihren reinen Nutzwert hinaus verbinden sich mit Eichen, zumal in Deutschland, noch ganz andere Dinge. „Das schöne Laub dieses vaterländischen Baums bezeichnet in der Blumensprache Vaterlandsliebe, deutschen Sinn und deutsche Kraft“, so das Damen Conversations Lexikon von 1834-38)[6], wohl wissend, dass dies eigentlich eine Erfindung der Romantik war. Zuvor, vor allem im Barock, hatte man in der Eiche noch ein übergreifendes Symbol für Beständigkeit und wachsende Tugend gesehen, wie beispielsweise der Dichter Hans Aßmann von Abschatz (1646-1699), wenn er schrieb:

 

Ob die Eiche wird belaubt

Und der Frost die Blätter raubt/

Pflegt sie doch der Lentz zu weisen/

Unbesiegt durch Eyß und Eisen/

Neue Zweige schüssen nach

Wo man Laub und Aeste brach:

Unter Sturm/ Gefahr und Grämen

Weiß die Tugend zuzunehmen.[7]

 

Die Eiche als deutschen Baum durchzusetzen, war vor allem das Anliegen der Dichter des frühen19. Jahrhunderts, die gegen Napoleon und für nationale Identität stritten, beispielsweise von Friedrich Rückert (1788-1866). In einem seiner so genannten „geharnischten Sonette“ heißt es:

 

Du blühetest die schönste aller Eichen,

Germania, im tiefsten Kern gesunde;

Als dir der Römer gegenüberstunde,

Könnt' an die Äste dir sein Speer nicht reichen.

 

Da schlug ein andrer Feind mit listigen Streichen

Dir von der Westseit' eine schwere Wunde,

Hieb von den Ästen manche dir zum Grunde,

Und zimmerte daraus sich Siegeszeichen.

Nun will er gar den ganzen Stamm zerhauen[8]

 

Nach dem Wiener Kongress, der Restauration der Fürstenherrschaft und den geplatzten Träumen von bürgerlicher Freiheit und einem geeinten Deutschland machte sich allenthalben Resignation breit. Der Rückzug in die Innerlichkeit des Biedermeier kündigte sich an und wiederum hatte es die Eiche auszubaden. So auch in einem späteren Gedicht des bereits zitierten Friedrich Rückert aus dem Kapitel „Nach den Freiheitsjahren“.

 

 

Die deutsche Eiche

 

Wie ihr zu dem Wahn gekommen,

Deutsche, daß für euern Baum

Ihr die Eich' habt angenommen,

Zu begreifen weiß ich's kaum.

 

Sie ein Bild von euerm Reiche?

Welch ein krüpplig Jammerbild!

Denn verkümmert wie die Eiche

Wächst kein Baum im Lenzgefild

 

Warum nicht, die höher strebet,

Buche mit dem Riesenschaft;

Oder die so zierlich schwebet,

Birke, säuselnd geisterhaft?

 

Beide, die dem Blick zu Troste

Schmückt der Lenz mit frühstem Laub,

Das nicht zittert vor dem Froste,

Dem die Eiche wird zum Raub.

 

Und dann nagt der Maienkäfer

Scharf dem Maienfroste nach;

Und dem armen deutschen Schäfer

Bleibt ein spärlich Schattendach;

 

Wo im hohen Sommergrase,

Hohes träumend, er sich streckt;

Bis im Herbstwind auf die Nase

Fallend ihn die Eichel weckt.[9]

 

 

Freilich muss darauf hingewiesen werden, dass die Eiche, lange bevor sie in politischer Hinsicht instrumentalisiert wurde und immer noch instrumentalisiert wird, eng mit den ältesten naturreligiösen Mythen und Kulturen der europäischen Völker verknüpft war. „Die Eiche zu Dodona in Nordgriechenland“ – so Meyers Großes Konversationslexikon – „war der Sitz des ältesten hellenischen Orakels, dessen Willen die Priester aus dem Rauschen ihrer Blätter vernahmen. Bei den Römern war die Eiche dem Jupiter gewidmet (arbor Jovis). Die alten Gallier und Deutschen hielten die Eiche für einen heiligen Baum. Die Eichenwälder waren den Göttern geweiht, und unter den stärksten und höchsten Eichen wurden die Opfer dargebracht. Auch mehrere slawische Völker hielten die Eiche für heilig und brauchten das Eichenholz zu Opferfeuern. Als das Christentum nach Deutschland und in die Länder an der Ostsee drang, wurden viele alte heilige Eichen niedergehauen. Insbesondere soll eine heilige Eiche bei Geismar in Hessen berühmt gewesen sein, die von Bonifatius gefällt wurde.“[10] Hier wäre hinzuzufügen, dass es die Donar-Eiche war. Bonifatius, der aus ihrem Holz im Jahr 724 die erste Klosterkirche erbaut haben soll, wurde bei einem späteren Missionsversuch von den Friesen ermordet.

 

Zusammenhänge wie diese waren im Gartenamt der Stadt Gießen allem Anschein nach nicht ganz unbekannt. Jedenfalls machte man sich dort umgehend Hugo Weigels Vorschlag zu eigen, in Erinnerung und als zukünftigen Ersatz für den gefällten „Linneser Eichbaum“ eine junge Stieleiche zur Verfügung zu stellen, zu deren Pflanzung wir uns heute versammelt haben. Es hat mich sehr gefreut, zu diesem Anlass ein paar Worte im Namen der Arbeitsgruppe Orts- und Vereinsarchiv Kleinlinden sagen zu dürfen, die ja auf ihre Weise dazu beitragen will, dass Dinge, die Linnes betreffen, im Gedächtnis bleiben.

 

Es gibt ein schönes Sprichwort, dass ich unserem kleinen Eichbäumchen sozusagen als Ermutigung mit auf den Weg geben möchte:

 

Eine Eiche fällt nicht von einem Schlage, sagte der Specht, als er getippt einige Tage.[11]

 

 



[1] [Eiche. Meyers Großes Konversations-Lexikon (1905), S. 47891 (vgl. Meyer Bd. 5, S. 421f.) http://www.digitale-bibliothek.de/band100.htm ]

 

[2] Johannes Paschke: Unsere Kleinlindener Eiche und andere in und um Gießen, in: Linneser Backschießer, Ausg. 35, April 1996, S. 9

[3] Ebd.

[4] Vgl. Friedrich Wilhelm Weitershaus: Klein-Linden. Geschichte und Gemarkung, Gießen 1980, S. 97

 

[5] [Lexikon: Eiche. Bilder-Conversations-Lexikon (1837-1842), S. 3558 (vgl. BC-Lexikon Bd. 1, S. 628-629), http://www.digitale-bibliothek.de/band146.htm ]

 

[6] [Lexikon: Eiche. Damen Conversations Lexikon, S. 3050,(vgl. Damen-CL Bd. 3, S. 282) http://www.digitale-bibliothek.de/band118.htm ]

 

[7] [Abschatz: Gedichte. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 1173, (vgl. Abschatz-Gedichte 4, S. 178), http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]

 

[8] [Rückert: Lyrische Gedichte. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 88251,(vgl. Rückert-Werke Bd. 1, S. 13-14), http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]

 

[9] [Rückert: Lyrische Gedichte. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 88372, (vgl. Rückert-Werke Bd. 1, S. 82), http://www.digitale-bibliothek.de/band75.htm ]

 

[10] [Eiche. Meyers Großes Konversations-Lexikon (1905), S. 47901, (vgl. Meyer Bd. 5, S. 424), http://www.digitale-bibliothek.de/band100.htm ]

 

[11] [Sprichwörterlexikon: Eiche. Deutsches Sprichwörter-Lexikon, S. 9082, (vgl. Wander-DSL Bd. 1, S. 763), http://www.digitale-bibliothek.de/band62.htm ]